Parkbank-Gespräch: Eine 88-Jährige erzählt aus ihrem Leben

Als ich zu meinem heutigen Mikroabenteuer aufbreche, bin ich mir noch nicht ganz sicher, ob ich es durchziehen werde oder lieber einfach einen Spaziergang mache. Denn der Plan ist, mich zu einer fremden Person auf eine Bank zu setzen und mit ihr bzw. ihm ein Gespräch zu beginnen. Ich könnte stören oder unerwünscht sein, geht es mir durch den Kopf. Also beschließe ich auf mein Gefühl zu hören und es nur zu machen, wenn es sich richtig anfühlt.

Und es fühlte sich richtig an. 🙂 Als ich die Frau auf der Bank sitzen sehe, handele ich intuitiv und setze mich einfach neben sie. Das Ansprechen kann ich mir sparen, denn sie sagt sofort: „Das sind Liegeplatten, sagt mein Enkel immer.“ Sie meint die Bank auf der wir sitzen. Ich fühle mich willkommen und die Frau scheint sich über etwas Unterhaltung zu freuen.

Hildegard und mich trennen über 50 Jahre Altersunterschied, doch es gibt viele Gemeinsamkeiten. Sie wohnt sogar in der gleichen Straße wie ich – und das seit 60 Jahren. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Baden Württemberg als eine von fünf Kindern erlebt sie die schlimme Kriegs- und Nachkriegszeit. Später arbeitet sie bei der Bundeswehr als Schreibkraft im Bereich der Kriegsdienstverweigerer. Sie erlebt Gerichtsprozesse, in denen darüber entschieden wird, ob die jeweilige Person zur Bundeswehr muss oder nicht. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder. Doch die Ehe wird geschieden und sie zieht die Kinder alleine groß. Ihre Tochter wohnt heute in Paris, sie telefonieren regelmäßig. Ihr Sohn ist bereits verstorben. „Ich habe schon viel erlebt. Aber man muss tapfer sein“, sagt Hildegard. Sie sitzt da mit dicker Jacke und Kapuze, die Krücken neben sich. Sie ist wirklich tapfer, denke ich. „Bald fahre ich nach Sylt in den Urlaub, da muss ich viel laufen. Von daher trainiere ich schon mal“, lacht sie.  Auch ich erzähle ihr von meinem Leben, meiner Arbeit und meinem Blog. Sie ist begeistert und will gleich am Abend ihrer Tochter von unserem Gespräch erzählen.

Als ich nach gut 45 Minuten weiter ziehe, fühle ich mich sehr gut. Wir sollten alle mehr miteinander reden, auch mit Menschen, die wir (noch) nicht kennen. An unseren Geschichten teilhaben und uns gegenseitig inspirieren. Bevor ich gehe, frage ich Hildegard, was sie heute noch so vor hat. Sie hätte noch Paprika zuhause, die isst sie so gern und dann macht sie Spaghetti mit Paprikasoße. Und ihre Tochter will sie anrufen. Ihre Augen strahlen und ich sehe, wie sehr sie diese vermeintlichen Kleinigkeiten freuen. Durch Hildegard erinnere ich mich wieder daran: Das Glück liegt in der Wertschätzung der kleinen Dinge.

Eckdaten:

  • Ort: Mainz Rheinufer (ist aber überall möglich)
  • Länge: beliebig

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